Ulrich Zehfuß

Singer-Songwriter/Liedermacher

Songwriter, Liedermacher, Chansonnier – Teil II: Singer-Songwriter

Gepostet am 10.05.

Singer-Songwriter vs. Liedermacher

Im ersten Teil meiner kleinen Reihe zu der wirklich sehr wichtigen Klärung der Unterschiede zwischen Singer-Songwriter, Liedermacher und Chansonnier ging es um den guten alten deutschen Liedermacher und was daraus geworden ist. Wie versprochen dreht sich diese Folge nun um sein englischsprachiges Pendant, den Singer-Songwriter. Auch wenn es für Sie beim Lesen jetzt nicht sichtbar ist: Ich habe mindestens zweimal den Bindestrich zwischen den beiden Worten Singer und Songwriter gelöscht, durch einen Schrägstrich ersetzt und wieder zurückgeändert. Gleich mal hängengeblieben! Da sind zwei Worte zusammengeschraubt durch ein fragiles „-“ oder aneinandergelehnt durch das Schriftzeichen gewordene, angelehnte Brett „/“, das schon rein optisch signalisiert „ich stell das jetzt mal hier hin, weil ich nicht weiß, wo es sonst hinsoll“. Singer und Songwriter, Sänger und Song-Schreiber in einem, in ein und derselben Person, das soll es heißen und betont es, weil es nämlich keine Selbstverständlichkeit ist. Gerade in Amerika, wo ja sämtliche Unterhaltungskünste hochprofessionalisiert und arbeitsteilig organisiert sind, sind der Komponist und der Textdichter (meist auch zwei Personen!) nicht an der eigentlichen Aufführung beteiligt. Das erledigen Sängerinnen und Sänger – ich gender das mal, denn wo, wenn nicht im Bühnengewerbe trifft man auf alle möglichen Abstufungen – also: Sänger*antinnen oder so.

Song und Singer: zwei Jobs, zweimal Gage, bitte!

Das Einerseits/Andererseits des Singer/Songwriters begegnet einem beim deutschen Liedermacher nicht. Da ist schon klar, dass der das selbst singen muss, soll es überhaupt gesungen werden! Vermutlich machen das die gewerkschaftlich gut organisierten Amis, damit keiner vergisst, dass zwei Jobs auch zwei Verdienste rechtfertigen.

Klein, aber oho – der Song

Aber noch etwas fällt ins Ohr: Song. Der Song ist kein Lied. Er ist vielmehr Gesang und leitet sich aus der Vergangenheitsform des Singens ab. Man weiß quasi erst aus der Perspektive des Erinnerns, dass das, was man gerade gehört hat, ein flüchtiges Gesungenes, eben ein Gesang war. Damit ist schon klar, dass es nichts mit er Alltagswelt zutun hat – es spielt sich im Moment des Erlebens schon auf einer anderen Ebene ab, als tauchte der Zuhörer auf magische Weise in seine eigene Erinnerung ab, in eine Trance, die wohl die einzig angemessene Art ist, einem Gesang zu lauschen. Und ist kein i-Fiepen wie beim Liedermacher, sondern er ist profund, geradezu buddhistisch: Soooooong. Man sieht schon im Wort die Mundhöhle des/der Sangesbruder/schwester/*. Ja, stimmt, er heißt auch „Singer“, das ist also kaum was gewonnen. Schwamm drüber. Zumindest endet es profunder als es lospiepst.

Kunst statt Handwerk

Und dann ist da noch das Wort „Writer“, der Schreiber. Hier wird nichts gemacht, wie beim Liedermacher. Hier wird geschrieben. Da sich auch Autoren „Writer“ nennen, ist das nicht so proletarophil. Fasst so schön wie bei den bereits zuletzt genannten italienischen Kollegen, den Cantautori, die ich um die klangvolle Bezeichnung beneide.

Wie sind alle Individuen – und Singer-Songwriter

Wie verhält sich aber der Singer-Songwriter zum Liedermacher in der Wahrnehmung der Musiklandschaft in Deutschland heute? Da kommt einiges zusammen. Während man unter dem Begriff Liedermacher eine recht klare Vorstellung hat, was da musikalisch zu erwarten ist: Klampfe, eventuell sogar gestimmt, oder Klavier mit dicken Pranken gespielt, vielleicht Akkordeon, aber das war’s dann bitte. Im angloamerikanisch geprägten Musikraum nennt sich dagegen alles und jeder Singer-Songwriter, der eben selbst Lieder schreibt und singt. Sei es der Blues-Gitarrist, die Pop-Disseuse oder aufrechte Recken wie Neil Young oder natürlich Bob Dylan, die in der Nachfolge der originalen Protest Singer das Genre in den Pop führten, sprich in den breit wahrgenommenen Mainstream ihrer Zeit.

Liedermacher mit gestimmter Gitarre

In Deutschland eiern meine Kolleginnen und Kollegen ebenso wie ich regelmäßig herum bei der Zuordnung. Zynische Kollegen aus der hauptstädtischen Klavierkabarettzunft (ja, genau, Martin Betz) unken gerne, deutsche Singer-Songwriter sind Typen, die so rumnölen, dass man (hoffentlich) ihre Texte nicht so genau versteht. Das ist lustig, aber ein bisschen ungnädig. Was wahrscheinlich eine Voraussetzung dafür ist, dass es lustig ist. Ich selbst mutmaße ja, dass der Unterschied zwischen Liedermacher und Singer-Songwriter darin besteht, dass beim Singer-Songwriter die Chance höher ist, dass seine Gitarre gestimmt ist. Was auch der Grund ist, warum ich mich Liedermacher und Singer-Songwriter nenne. Je nachdem eben.

Hier kommt was Eigenes: Mein Song

Ich finde, Songwriter klingt im Vergleich zu Liedermacher weniger politisch belastet, es klingt auch weniger nach öffentlich-rechtlichem Bildungsauftrag oder spaßbefreiter Protestdeklamation, es klingt etwas neutraler und sagt dem Publikum vor allem, dass hier jemand kommt, der ein Lied singt, das er selbst geschrieben hat, was doch schon mal spannender ist als die schlechte Kopie eines Stars, der selbst wie eine Kopie klingt. Hoffentlich jedenfalls.

Ob es wissenschaftlich belegbare formale Unterschiede zwischen Song und Lied gibt, wage ich zu bezweifeln, weil das ja voraussetzen würde, dass es für Lied und Song je einzeln verbindliche Regeln gäbe, was sich so oder so nennen darf. Zwar würde das vielleicht ein paar Literaturwissenschaftlern passen, aber weiter bringt das ja niemanden. Also widerstehe ich selbst hier dem kleinen Literaturwissenschaftler in mir fange gar nicht an mit der Deskription. Schön muss es sein! Und funktionieren. Dann ist alles recht.

Ich hoffe, ich muss nicht erwähnen, dass diese Auseinandersetzung zu Liedermacher, Songwriter und Chansonnier keinerlei wissenschaftlichen Grundsätzen entspricht, sondern lediglich einen kleinen Streifzug durch ein paar Gedanken und Beobachtungen darstellt! Am liebsten wäre es mir, wenn geneigte Leser*innen mir ausführlich darlegen würden, wo und warum ich überall falsch liege – das wäre sehr unterhaltsam und würde uns weiterbringen.

In diesem Sinne – bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: deutsche Liedermacher – Singer-Songwriter – Chansonnier? Egal, Hauptsache, das Lied ist schön.

Euer Ulrich Zehfuß